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Quelle: Web Suchtberatung

Geschichte

Das Blaue Kreuz Heidelberg – wie es entstand

Nach 40 Jahren erfolgreicher Geschichte des Blauen Kreuzes Heidelberg, genauer gesagt des Blauen Kreuzes der Evangelischen Stadtmission Heidelberg e.V., regt sich die Neugierde. Warum entstand dieses Werk? Wer stand am Anfang und warum gehört es zur großen Familie der Evangelischen Stadtmission Heidelberg?

Von dem Leiter unserer Psychosozialen Beratungs- und Behandlungsstelle für Suchtkranke und Suchtgefährdete, Herrn Rüdiger Dunst, um einen geschichtlichen Rückblick gebeten, will ich solchen Fragen nicht ausweichen. Allerdings habe ich einige Schwierigkeiten. Mein Beitrag soll kurz sein, obwohl die Umstände, die zur Gründung des Heidelberger Blauen Kreuzes führten, Stoff für einen ganzen Roman liefern würden. Sodann ist darin ein Stück meines persönlichen Lebens verwoben und auch ein solches des Schicksals meiner Frau. Schließlich ist da auch noch von einer Frau zu sprechen, die leider nicht mehr lebt, auf deren Tun ich jedoch später gerne eingehen möchte.

Als ich 1958 nach fast fünfjähriger Ausbildung zum Diakon in den Dienst der Stadtmission Heidelberg entsandt wurde, warteten auf mich drei Aufgabengebiete:

- ich sollte Sucht-, vor allem Alkoholkranken und deren Angehörigen mit Rat und Tat zur Seite stehen,

- ich sollte die Arbeit der Stadtmission im Heim für nichtsesshafte Männer (Wichernheim) unterstützen und

- ich sollte für den Besuchsdienst in einem sozialen Brennpunkt in Heidelberg zur Verfügung stehen.

Bald merkte ich, dass mein Arbeitsfeld grenzenlos ist und es schien mir auch hoffnungslos zu sein. Ich hatte wohl im Krieg und in der unmittelbaren Nachkriegszeit viel Not gesehen und am eigenen Leibe erlebt. Aber was ich jetzt in meinem Dienst zu sehen bekam an Verwahrlosung und Verzweiflung von Menschen, hatte eine andere Qualität. Das alles hatte ja wenig mit äußeren als vielmehr mit inneren, im Menschen liegenden Verhältnissen zu tun. So nach und nach erkannte ich nur allzudeutlich, welch einen erschreckend hohen Anteil Alkoholmissbrauch und Alkoholsucht an dem Vorhandensein von Nichtsesshaftigkeit , Obdachlosigkeit, Krankheit, Prostitution, Kriminalität und viele ähnliche Nöte haben. Mir wurde auch klar, dass alle Bemühungen, das eine oder das andere Elend zu beheben oder zu mildern, nur gelingen können, wenn dem Alkoholmissbrauch entgegengetreten wird und Wege gefunden werden, Suchtkranken zu helfen.

Aber was wusste ich schon über Alkoholismus? Zwar hatte ich in mehreren Monaten als Leiter eines Heimes für entlassene französische Fremdenlegionäre einiges davon mitbekommen, wie verheerend Alkohol das Wesen des Menschen verändern kann, aber das geistig-seelische und wohl auch körperliche Geschehen, das dahinter steht, war mir fremd geblieben. Nun hatte ich zu lernen und dieses, während sich gleichzeitig bei meinen Bemühungen Misserfolg an Misserfolg reihte. Zur Beratung kam kaum jemand zu mir. Bei meinen Hausbesuchen wurde mir oft aus dem Wege gegangen oder ich wurde hinausgeworfen. Ich begann an mir und meinem Auftrag  zu zweifeln. Hatte ich mir nicht damals, als man mich von meiner Ausbildungsstätte zur Stadtmission nach Heidelberg entsandte, gesagt, so, da also will dich der Herr segnen! War ich nicht voller Zuversicht gewesen – und jetzt?

Ich musste mich wohl getäuscht haben! Aber dann sprach es sich auf einmal offenbar doch herum, dass es bei der Stadtmission jemanden gibt, der sich um Suchtkranke kümmert, und vielleicht hatte ich inzwischen auch etwas hinzugelernt, nämlich dies: Alkoholismus ist eine Krankheit! Diese Erkenntnis entkrampfte die Begegnung mit Betroffenen. Mitarbeiter von Behörden und sozialen Institutionen gewannen Vertrauen zu mir, und mit Hilfe von Krankenkassen fanden sich Rentenversicherungsträger zur Bewilligung von Entwöhnungsbehandlungen für Suchtkranke bereit. Weil es schließlich bald sogar mehr behandlungsbereite Suchtkranke als Plätze in Heilstätten – heute Fachkliniken – gab, arbeitete ich bei sogenannten Besinnungswochen mit, in denen versucht wurde, Alkoholikerinnen und Alkoholiker zu einem ersten Schritt auf dem Wege zur Gesundung und zu einem freieren Leben zu verhelfen. Und mancher nutzte diese Chance wirklich. Aber wie sollte es nun weitergehen, nachdem plötzlich meine Hilfe gefragt war? Alkoholismus ist eine zwar behandelbare, aber leider nicht heilbare Krankheit. Völlige Suchtmittelenthaltsamkeit lebenslang, das muss das Behandlungsziel jedes Helfers, das muss das Lebensziel jedes Suchtkranken sein. Ich brauchte nicht lange, um zu begreifen, wie groß die Anforderung ist, die sich mit diesem Lebensziel für einen Suchtkranken verbindet. Durch gesellschaftliche Trinksitten oder besser Trinkunsitten z.B. als Alkoholiker gefährdet, muss er sich immer wieder, auch gegen die Stimme der Versuchung in sich, zur Wehr setzen. Wer diesen Kampf

allein kämpfen will oder muss, hat geringe Chancen zu siegen,  ans Ziel zu kommen. Da ist es schon viel leichter, in der Gemeinschaft mit Gleichbetroffenen zu stehen. Dies hatte man schon Mitte des 19. Jahrhunderts erkannt, als der reformierte Pfarrer L.L. Rochat in dem durch Alkoholismus der Bevölkerung heruntergekommenen schweizerischen Waadtland begann, mit dem Ruf  „Temperenz (Mäßigkeit) und Evangelium“ unter Alkoholkranken eine heilsame Bewegung in Gang zu setzen. Wie der Kaufmann Henry Dunant wenige Jahre zuvor mit dem Zeichen des Roten Kreuzes bemüht war, Humanität ins mörderische kriegerische Geschehen zu bringen, so sahen Zeitgenossen auch das Bemühen von Rochat und seinen Freunden um Alkoholkranke als einen ähnlichen Rettungsdienst, dem sie darum auch den Namen Blaues Kreuz gaben. Zur Überraschung vieler Menschen, Betroffener und Nichtbetroffener wurde dann die Arbeit des Blauen Kreuzes zu einem erfolgreichen  Unternehmen, Alkoholkranken zu einem neuen, gesunden und glücklichen Leben zu verhelfen. Da aber Alkoholismus schon damals ein internationales Problem war, ist es nicht verwunderlich, dass sich die Idee des Blauen Kreuzes von der Schweiz aus rasch in viele andere Länder Europas ausbreitete. Auch Missionare griffen sie auf und gründeten z. B. in Afrika Blaukreuzvereine, um dem sich mit dem Kolonialismus einhergehenden raschen Anwachsen des Alkoholmissbrauchs entgegenzuwirken.

Auch ich erkannte, dass es sehr wichtig ist,  Betroffene in einer Gemeinschaft zusammen zu führen. Zu diesem Zweck brauchte ich einen Raum und bekam ihn auch in einem Haus der Stadtmission Heidelberg. Er wurde einfach und zweckmäßig hergerichtet und irgendwann an einem Freitag im Jahr 1960 kamen wir, eine Handvoll Betroffener, Angehörige, Interessierte, meine Frau und ich hier zusammen. Meine Frau brachte Kaffee, es gab auch etwas Gebäck und wir tauschten uns aus über die Zeit früher, die Krankheitszeit, über die Gegenwart und machten uns Mut für den neuen Weg der Gesundung in der Zukunft. Für ihn erbaten wir uns Gottes Segen. In der Folgezeit war es  dann bei unseren regelmäßigen Zusammenkünften üblich, mit einer kurzen bibelbezogenen Andacht zu beginnen und das Zusammensein mit dem gemeinsam gesprochenen Vaterunser, einem gemeinsam gesungenen Lied aus dem Kirchengesangbuch und einem Segenswort zu enden. Stehend sagte man sich Aufwiedersehen, indem jeder die Hand seines Nachbarn erfasste. So erwuchs manchem aus dieser Begegnung wieder Kraft für eine schwierige, vielleicht angefochtene Woche. Rückschauend und historisch betrachtet hatte sich somit die erste Selbsthilfegruppe nach dem 2. Weltkrieg in Heidelberg zusammengefunden. Die Teilnehmerzahl wuchs rasch an und das Angebot wurde zu einer ständigen Einrichtung.

Aber welchen  Weg sollte die Gemeinschaft nun weiter gehen, welchen Namen tragen, wie sich strukturieren? Zur gleichen Zeit entstanden an verschiedenen Orten im Land deutschsprachige Gruppen der Anonymen Alkoholiker. Was boten sie doch alles an! Einen Schatz reicher Erfahrungen aus der Arbeit in USA. Die zwölf Schritte als Heilungsprogramm, zwölf Traditionen als Gruppenordnung. Eine an eindrücklichen Beispielen reiche Literatur. Und dann auch das so wichtige Gebet:

Gott, gib mir die Gelassenheit... Legte dies alles und noch manches andere Gute es mir nicht nahe, diesen Weg auch für die Zukunft unserer Gruppe zu wählen? Aber dann kamen mir doch Fragen. Ist es wirklich so, wie es bei Anonyme Alkoholiker (AA) heißt, dass nur Alkoholiker Alkoholiker verstehen können? Und warum können nur Selbstbetroffene an den Treffen (Meetings) teilnehmen und nicht auch Lebenspartner, Angehörige usw.? Ich weiß, dass man inzwischen bei AA in dieser Hinsicht Änderungen vorgenommen hat, aber in den sechziger Jahren war man noch streng auf der Linie der Ausschließlichkeit. Wie ist auch die Gepflogenheit der Anonymität einzuschätzen? Ist nicht die Fähigkeit, wo es nötig ist, sich als Betroffener unverkrampft persönlich zu seiner Alkoholabhängigkeit zu bekennen, ein wichtiges Behandlungsziel und ein Zeichen von Reife und innerer Gesundheit? Schließlich, wie verhält es sich mit dem Gottesbild bei AA? Dort wird er gesehen als „eine Macht, die größer ist als wir selbst“. Mehr als 80% der deutschen Bevölkerung sind aber Christen. Für sie, für uns, hat Gott eine Gestalt, ein Gesicht, eine Stimme. Im Glauben an den von den Toten auferstandenen Jesus Christus haben wir nicht nur Teil an der Kraft Gottes, sondern dürfen damit zum Beispiel auch die Vergebung unserer Schuld und die Hoffnung auf ein ewiges Leben verbinden. Nachdem ich das eine wie das andere sorgfältig bedacht und abgewogen hatte, entschied ich mich schließlich doch für das Blaue Kreuz, für den Weg, den dieses Werk  schon fast hundert Jahre erfolg- und segensreich gegangen war und dass auch in Heidelberg auf eine Geschichte zurückblicken konnte.

Als ich meinen Dienst bei der Stadtmission begann, lernte ich Frau Luise Schumacher kennen. Sie war schon lange Zeit Witwe und hatte sich und ihren Sohn entbehrungsreich durch die Jahre gebracht. In ihrer Jugend war sie in Heidelberg zum Blauen Kreuz gestoßen, das schon lange vor dem 2. Weltkrieg bestand, hatte regelmäßig die Zusammenkünfte besucht und auch in den zwei alkoholfrei geführten und dem Blauen Kreuz nahestehenden Gastronomiebetrieben, einem Hotel-Restaurant und einem Café, mit geholfen. Nichts von alledem hatte den Krieg überstanden. Sie aber hatte die Hoffnung nicht aufgegeben, dass der Dienst des Blauen Kreuzes einmal wieder in Heidelberg neu beginnen werde. Sie hatte Gott darum gebeten. Schließlich trug auch sie, dieser bescheidene, in seinem ehrenamtlichen Dienst so treue Mensch dazu bei, für den angelaufenen Dienst den Namen Blaues Kreuz zu wählen.

Aber dies war einfacher entschieden, als vollzogen. Zwar gab es in Deutschland noch das Blaue Kreuz, aber eben gleich zweimal. Als Dachverband zum einen das Blaue Kreuz in Deutschland, mit seinem Sitz in Wuppertal und  dann das Blaue Kreuz in der Evangelischen Kirche e.V., mit Sitz in Rendsburg. Dieses sogenannte kirchliche Blaue Kreuz hatte und hat seinen Schwerpunkt in Norddeutschland. Das Blaue Kreuz in Deutschland dagegen mehr in den übrigen Teilen des Landes, auch in Baden-Württemberg. Nachdem ein Reisesekretär dieses Verbandes unsere Gruppe einmal besucht hatte, und ich mich auch anderenorts umgesehen hatte, konnte ich nicht glauben, dass Suchtkranken, Alkoholabhängigen, die zum Teil  Kriegsgefangenschaft, Vertreibung , die Zerstörung ihrer Häuser und anderes Schwere erlebt hatten, in der dargebotenen Weise für einen Neuanfang in ihrem Leben zu gewinnen seien. Trinkerrettungsarbeit, ein Begriff, der viele Jahre die Arbeit des Blauen Kreuzes gewiß zutreffend beschrieb, war nicht mehr das, was die Menschen als Betroffene,  Mitbetroffene, oder als Glieder von Kirchengemeinden nach allem, was in der Welt geschehen war, verstanden. Aber auch eine andere wichtige Erfahrung, eine aus der Begegnung mit Alkoholkranken gewonnene, stand damals dem Entschluß entgegen, sich mit unserer kleinen Gruppe dem Blauen Kreuz in Deutschland anzuschließen. Dieser Verband ist in Vereinen organisiert. In ihnen gibt es in der Regel, wie in allen Vereinen, Vorstände und andere vor- und nachgeordnete Personen, also hierarchische Strukturen. Was aber für die Gesundung und die Stabilisierung der Gesundheit eines Suchtkranken immer schädlich ist, ist die trügerische Selbsteinschätzung, im Vergleich zu Gleichbetroffenen etwas Besonderes, gar etwas Besseres zu sein. Für jeden gesundeten Alkoholiker, jede Alkoholikerin gilt das Sprichwort: Hochmut kommt vor dem Fall (Rückfall) leider ganz besonders.

Aus diesem Grunde gab es von Anfang an, und dies bis heute, im Blauen Kreuz Heidelberg keine Gruppenleiter, sondern nur Gruppenverantwortliche, die sich, wenn überhaupt, von anderen Gruppenmitgliedern nur dadurch unterscheiden, dass sie mit größerem Einsatz bemüht sind, anderen zu helfen. Ohne Vereinscharakter, ohne Mitgliedsbeiträge, ohne Hierarchie wurde das Blaue Kreuz Heidelberg schließlich zu einer Einrichtung unter dem Dach der Evangelischen Stadtmission  Heidelberg e.V. zu einem Mitglied in einer großen Familie diakonischer Einrichtungen, die ihm die Möglichkeit gab, sich ausschließlich seinen Aufgaben zuzuwenden. Dass die damalige Entscheidung richtig war, zeigen gerade die 40 Jahre erfolgreicher Arbeit des Blauen Kreuzes Heidelberg, in denen Reibungsverluste weitgehend vermieden werden konnten.

Um jedoch einem möglichen Missverständnis vorzubeugen, sei hier aber zum Schluss ausdrücklich erwähnt, dass wir uns mit allen anderen Selbsthilfegruppen, die die Gesundung von Suchtkranken zum Ziel haben, gerne freundschaftlich verbunden wissen. Wir sind aber der Meinung, dass unsere Ausrichtung als eine christlich orientierte Institution jedem Betroffenen nur helfen kann,  diejenige Gemeinschaft zu finden, die ihm das größte Maß an Hilfe gibt.

Raoul Jassoy, Pfarrer i.R. im "Zeitpunkt" 2-2001

 

 
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